Die steinerne Glocke

„Die Kirche steht!“ rief der Junge seiner Mutter aufgeregt zu.

Am Morgen des 15. Februar 1945 hatte der damals 15-jährige Karl-Ludwig Hoch um kurz nach neun Uhr von seinem Elternhaus am Loschwitzer Hang zur rauchverhüllten Dresdner Altstadt geblickt. Für einen kurzen Moment hatten sich die Rauchwolken geteilt und den Blick auf die Kuppel der Frauenkirche urplötzlich freigegeben.

Die Frauenkirche nicht zerstört? Die Hoffnung stieg. Vielleicht stand es um Dresden doch nicht so schlimm, wie der Bombenangriff der vorletzten Nacht befürchten ließ?

Schon einmal hatte die „steinerne Glocke“, wie die Frauenkirche im Volksmund liebevoll genannt wurde, den Wirren des Kriegs getrotzt:

Als Dresden während des Siebenjährigen Krieges im Juli 1760 unter Beschuss durch preußische Truppen geriet, wurde die Kreuzkirche zerstört; an der Kuppel der Frauenkirche hingegen waren die Kanonenkugeln einfach abgeprallt, ohne nennenswerten Schaden zu hinterlassen.



Die Ruine der Frauenkirche mit dem vom Sockel gestürzten Denkmal Martin Luthers. Quelle: Deutsche Fotothek

Doch die Hoffnung währte nicht lange an jenem Morgen im Februar 1945. Hatte es zunächst so ausgesehen, als sei die Kirche wundersam verschont geblieben, brach wenig später, um 10.15 Uhr, die ausgeglühte Kuppel schließlich in sich zusammen. Nach anfänglichem leisen Knistern, so berichtete eine Augenzeugin, sei die Kuppel langsam in sich zusammengesunken, mit einem ungeheurem Knall seien die Außenwände geborsten und die ganze Umgebung in eine nachtschwarze Staubwolke eingehüllt worden.

In den auf die Zerstörung folgenden Jahrzehnten gruben sich die Bilder des von seinem Sockel gestürzten Martin-Luther-Denkmals, vom riesigen, später von Unkraut und Gestrüpp überwucherten Trümmerberges und den um die Ruine grasenden Schafsherden tief im Gedächtnis der Dresdner Bevölkerung ein.

Die Ruine der Frauenkirche. Von der einst dichten Bebauung des umliegenden Neumarktes hatte kein einziges Haus den Krieg überstanden. Quelle: Deutsche Fotothek



Deutlich heben sich die Originalsteine vom neuen Sandstein ab.

Mit der Weihe der Frauenkirche am Reformationstag 2005 kehrte die steinerne Glocke – 60 Jahre nach ihrer Zerstörung und 11 Jahre nach Beginn des Wiederaufbaus – in das Dresdner Stadtbild zurück.

Der Kontrast des hellen, neuen Sandsteins und der schwarzen Patina des alten Steinmaterials veranschaulicht die dramatische Geschichte des Bauwerks auf eindrucksvolle Weise.

Obwohl die Pläne zum Wiederaufbau des zerstörten Gotteshauses zunächst höchst umstritten waren, hat die Frauenkirche mit großer Selbstverständlichkeit den ihr gebührenden Platz unter den Wahrzeichen und Denkmälern der Stadt neu eingenommen.

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