Der Bau der Waldschlößchenbrücke

Die Waldschlößchenbrücke ist fraglos das am heftigsten umkämpfte Bauprojekt in der jüngeren Geschichte Dresdens. Weder die Diskussion um den zunächst umstrittenen Wiederaufbau der Frauenkirche noch die z.T. leidenschaftlich geführten Kontroversen um das Für und Wider von rekonstruierten Barockfassaden am Dresdner Neumarkt haben auch nur annähernd das Ausmaß erreichen können, das der Streit um die Waldschlößchenbrücke bisweilen angenommen hat.

Visualisierung des künftigen Blickes vom Stadtzentrum zu den nördlichen Elbhängen. Quelle: Ripke Architekten

Die Waldschlößchenbrücke hat die Stadt gespalten wie kaum ein anderer politischer Streit in den ersten zwanzig Jahren, die seit der deutschen Wiedervereinigung vergangen sind. Es wurden Wettbewerbe und Workshops durchgeführt, Siegerentwürfe gekürt und wieder zur Disposition gestellt; es wurde demonstriert, gestritten, dafür und dagegen gestimmt; es wurde prozessiert, geurteilt und revidiert; es wurden Baustopps verhängt und wieder aufgehoben; es wurden Bäume besetzt, geräumt und schließlich unter Polizeischutz gefällt. Am Ende sollten eine 4-spurige Elbquerung, eine gespaltene Bürgerschaft und ein verlorener UNESCO-Welterbe-Titel stehen.

Die Überlegungen, am Waldschlößchen eine Brücke zu bauen und die Stadtteile Johannstadt und Neustadt an einem besonders sensiblen Abschnitt der innerstädtischen Elblandschaft miteinander zu verbinden, reichen bis ins 19. Jahrhundert zurück. Die dramatischen politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts haben jedoch keine der teilweise sehr weit gediehenen Planungen Realität werden lassen.

Visualisierung des künftigen Blickes vom Waldschlößchen in Richtung Altstadt. Quelle: www.elbwiesen-erhalten.de

Mit dem infolge des wirtschaftlichen Aufschwungs nach 1990 deutlich gestiegenen Verkehrsaufkommen innerhalb Dresdens wurde das Ziel, am Waldschlößchen eine Elbquerung zu realisieren, wieder konkreter. 1996 beschloss der Dresdner Stadtrat den Bau der Waldschlößchenbrücke an dem bereits in den 1930er Jahren und auch zu DDR-Zeichen mehrfach erwogenen Standort.

1997 ging aus einem Wettbewerb der Entwurf des Architekten Henry Ripke als Sieger hervor. Eine wichtige Vorgabe des Wettbewerbs war, dass die Brückenkontur — aus stadtwärtiger Richtung betrachtet — die Silhouette des Elbhangs nicht durchbrechen durfte, also relativ flach verlaufen musste.

Im November 2000 erfolgte ein symbolischer erster Spatenstich; wegen Mängeln in der Planfeststellung sollte der eigentliche Baubeginn jedoch noch Jahre auf sich warten lassen. Zudem ließ das Jahrhunderthochwasser von 2002 erhebliche Bedenken an der Hochwassertauglichkeit der geplanten Brückenkonstruktion aufkommen. Es folgten umfangreiche Umplanungen, die u.a. eine deutliche Anhebung der Fahrbahn zur Folge hatten. Nachdem die Alternative einer Untertunnelung der Elbe vom Regierungspräsidium verworfen worden war, begann 2003 ein neues Planfeststellungsverfahren, das im Februar 2004 erfolgreich abgeschlossen wurde.

Typologischer Vergleich der Waldschlößchenbrücke mit den bestehenden Dresdner Elbbrücken. Quelle: Wikimedia Commons

Im Juli 2004 wurde das Dresdner Elbtal von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt: Eine entsprechende Bewerbung war 2003 — unter ausdrücklichem Verweis auf den geplanten Brückenbau als Bestandteil einer „sich entwickelnden Kulturlandschaft“ — eingereicht worden.

Mit der Kommunalwahl im September 2004 änderten sich die politischen Verhältnisse in Dresden: Der Stadtrat wurde nun von einer knappen linken Mehrheit geführt, die prompt eine Aussetzung des Brückenbaus beschloss.

Aufgrund der Weigerung des Stadtrats, den Baubeginn zu verfügen und mit der Vergabe von Bauaufträgen zu beginnen, bildete sich eine Koalition aus ADAC, CDU und FDP und initiierte ein Bürgerbegehren, welches einen Bürgerentscheid zur Waldschlößchenbrücke forderte. Das Bürgerbegehren war erfolgreich und führte schließlich zum Bürgerentscheid von 2005, in dem eine überwältigende Mehrheit von 67,9 % der Wahlbeteiligten für den Bau der Brücke stimmte.

Obwohl spätestens zu diesem Zeitpunkt die politische Willensbildung zu einem mehr als deutlichen Abschluss gekommen war, intensivierten die Gegner des Projekts ihren Widerstand und bildeten eine breite Front gegen den Brückenbau. Neben mehreren Klagen von Anliegern und Naturschutzverbänden wurde auch die UNESCO auf die Kontroverse aufmerksam gemacht, die — nach einer persönlichen Vorsprache von Nobelpreisträger Günther Blobel beim Direktor des Welterbekomitees — das Dresdner Elbtal auf die „Rote Liste“ der gefährdeten Welterbestätten setzte. Die Brücke, so die Begründung, zerteile „den zusammenhängenden Landschaftsraum des Elbbogens an der empfindlichsten Stelle“.

Visualisierung des künftigen Blickes in Richtung Altstadt aus der Perspektive eines Spaziergängers. Quelle: www.elbwiesen-erhalten.de

Damit war eine Situation eingetreten, in der es nur noch Verlierer geben konnte: Eine Aufgabe des Brückenbaus würde eine Missachtung des Bürgerwillens und damit eine empfindliche Verletzung grundlegender demokratisch-rechtsstaatlicher Prinzipien bedeuten. Die Durchführung des Brückenbaus hingegen würde, daran ließ die UNESCO keinen Zweifel, zu einem Entzug des Welterbetitels führen — und damit zu einem erheblichen Imageverlust für Dresden.

Über Monate hinweg wurde der Stadtrat zum politischen Spielball zwischen dem auf Baubeginn drängenden Regierungspräsidium einerseits und der mit Entzug des Welterbetitels drohenden UNESCO anderseits; zwischenzeitlich schaltete sich auch der Bundesverkehrsminister in die Diskussion ein, pochte auf die Erfüllung internationaler Verpflichtungen im Zusammenhang mit den Welterbe-Konventionen und stellte die Streichung von Fördermitteln des Bundes in Aussicht.

Visualisierung des künftigen Blickes vom Waldschlößchen in Richtung Altstadt. Quelle: www.elbwiesen-erhalten.de

Nach Ablauf eines entsprechenden Ultimatums erzwang das Regierungspräsidium im November 2007 schließlich den Baubeginn, indem es selbst die Entscheidung zur Vergabe von Bauaufträgen per sog. Ersatzvornahme traf.

Aller Drohungen, Klagen, einstweiligen Verfügungen, alternativer Brücken-Workshops und zwischenzeitlichen Baustopps zum Trotz: Seit November 2007 wird die Brücke gebaut, und seit Juni 2009 darf sich Dresden nicht mehr zu den Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes rechnen.

Über den wirtschaftlichen Nutzen der Brücke, die moralische Legitimität dieses Mammut-Verkehrsprojektes, vor allem aber über Sinn und Unsinn der Aktionen der beteiligten Kontrahenten wird wohl erst abschließend geurteilt werden können, wenn die Brücke wie geplant Ende 2011 dem Verkehr übergeben worden ist.

Stand der Brückenbauarbeiten im Juli 2010. Quelle: Wikimedia Commons

Hinweis: Berichte und Kommentare zum Streit um die Waldschlößchenbrücke aus den Jahren 2007 und 2008 finden Sie im Tour-Dresden-Archiv.

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